Locarno

 

Bordairline Locarno/Ascona stand voll unter dem Motto: Alle jagen den Chrigel


Freitag:
Ab 17.00 Uhr trudelten so nach und nach die Athleten ein – es wurde bis zu 15 Stunden Anreise in Kauf genommen – und alle waren schon gespannt, was wohl Renato beim Wetterbriefing sagen wird, ob es wieder einmal ein Geh- oder doch ein Flugbewerb wird. 
Aber schon bald wurde klar, dass die nächsten 2 Tage Wahnsinns-Flugtage werden! Renato meinte nur noch „Bomba!“ und die Athleten konnten aufatmen.
Trotz einiger kurzfristigen Absagen stand nun einem spannenden Bewerb mit und gleichzeitig gegen Chrigel Maurer (der übrigens nichts über seine geplante Route verriet)
nichts mehr im Wege…

Samstag:

Um 8.00 fiel der Startschuss für die Bordairline Rennserie 2010 beim Tennisclub in Ascona. Das Feld machte sich anfangs noch geschlossen – nach einiger Zeit aber doch etwas verteilt auf den Berg Cimetta, um von dort aus in verschiedene Richtungen zu starten.
Gernot Schmidt, Stefan Wiebel und Nik Germann flogen in Richtung San Bernardino, Gerald Gold flog bis Domodossola und der Rest machte sich auf den Weg Richtung Comersee, teilweise sogar bis nach Sondrio und Chrigel Maurer setzte seinen Wendepunkt gar im fernen Bormio (mehr Infos zu seinem Track unter www.chrigelmaurer.ch).
Nachdem wir am Samstagabend die Rückmeldung der Piloten mit deren Standorten bzw. Wendepunkten bekamen, wurde uns schnell klar, dass die Schweizer Landkarte nicht genug sein würde um den Weg unserer Athleten zu zeigen und so kauften wir gleich am nächsten Tag Karten für Tessin/Italien.
Herbert Tamegger kam bereits um 22.00 Uhr zurück, denn er musste gleich am Sonntagmorgen wieder nach Hause zurück und gab seinen Logger somit am Samstagabend ab.

Sonntag:

Wir erwarteten die Piloten ab ca. 13 Uhr und wir mussten auch nicht sehr lange warten, denn ein enttäuschter Stefan Wiebel kam schon bald als erster ins Ziel (er konnte die Bedingungen leider nicht ganz ausnutzen), gefolgt von Robert Heim, Nik Germann und Chrigel Maurer. Gernot Schmidt kam noch als Letzter vor 17.00 Uhr ins Ziel.
Gerald Gold verletzte sich bei der Landung, aber Gott sei Dank kam er mit Prellungen und einer leichten Gehirnerschütterung davon – auf diesem Wege wünschen wir ihm Gute Besserung!
Martin Steinbichler war um 17.00 Uhr nur noch ca. 300 m vom Ziel entfernt und konnte leider nicht den Heimkehrerbonus für sich verbuchen, auch Samuel kam um 17.10 Uhr per Auto ins Ziel und konnte ebenso wenig den Heimkehrerbonus nutzen.
Es wurden auch dieses Jahr wieder weite Distanzen zurückgelegt – zu Fuß und in der Luft und das Ganze bei einer Temperatur von 29 Grad. (siehe Ergebnisliste)

Biotech möchte sich bei allen Athleten für ihre tollen Leistungen bedanken und wir freuen uns schon auf die kommenden Events!


 

Bericht von Christian Maurer:

Kurzinfo vom Wettkampf am Wochenende- Bordairline im Tessin.

Ein für mich neuer und sehr spannender Wettkampf bestritt ich vom 22.- 23. Mai 2010 im Tessin. Bordairline- 33 Stunden nur zu Fuss oder mit dem Gleitschirm fliegend auf mich alleine gestellt! Der Athlet, der am weitesten vom Start und Ziel entfernt seinen Wendepunkt setzt und auch wieder zur Zeit zurück ist, gewinnt. 

So starteten wir am Samstag um 08:00 Uhr in Ascona. Das Wetter war perfekt um weit, ja gar sehr weit zu fliegen! Nach dem Aufstieg auf Cimetta über 1400m startete ich und flog Richtung Osten. Im Veltlin herrschten ausgezeichnete Flugbedingungen, so konnte ich um ca. 16 Uhr in Bormio und 130km wenden. In Sondrio musste ich am Abend landen- nach 205 geflogenen KM. Da das Wetter auch für Sonntag gut aussah, übernachtete ich gleich dort und plante den Rückflug im Hotel. Schon um 10 Uhr konnte ich brauchbare Thermik finden, jedoch musste ich vorher 1700m aufsteigen, Tagwache um 05:30 Uhr. Die restlichen 80km ins Ziel bei Ascona konnte ich bis um 13 Uhr zurücklegen. Noch mussten wir Athleten im Ziel bis 17 Uhr warten, bis alle zurück waren oder sich abholen liessen, denn da waren die 33 Stunden um. Dank perfekter Ausrüstung zum laufen sowie zum fliegen konnte ich meine Bordairline am weitesten weg setzten und den Anlass für mich entschieden. An dieser Stelle möchte ich mich bei meinen Sponsoren und den Organisatoren bestens bedanken für den tollen Wettbewerb. Das nächste Bordairline / Crossalps findet im Juli in Hochries (D) statt. Es folgen dann noch ein Bewerb in Lungau (A) und Bassano (I).

 

 


Bericht von Martin Steinbichler:

Um 8.00 Uhr läutete die Startglocke, es ging im lockeren Schritttempo Richtung Locarno, wo wir uns gegenseitig etwas beschnupperten. Alles blickte und richtete sich nach dem X-Alps Gewinner und Weltmeister Chrigel Maurer aus der Schweiz.
Genau das wurde auch mir später zum Verhängnis - als wir aus der wunderschönen Altstadt von Locarno raus waren,  am Weg zum 1670 Meter hohen Startplatz des Ciemetta, hat Maurer das Tempo und die Richtung angegeben. Nach ca. zwei Stunden in der Gruppe mit Maurer, Tamegger, Heim und Wiebel merkte ich, dass ich das Tempo nicht durchstehen werde, immerhin zeigte meine Pulsuhr  160- 170 an. Und da vielen mir auch die Worte von meinem Sporttrainer Thomas Bosnjak ein: „Nicht über 150 Puls“.
Ich reduzierte mein Tempo und ging alleine weiter. Angekommen am Startplatz war Maurer schon startbereit und als er abhob war mir klar, dass er nicht mein Maßstab ist. Oben angekommen machte ich mich auch sofort startklar und flog Richtung Sondrio in Italien was auch mein Ziel war. Es lief alles gut, außer dass ich mich nicht besonders wohl fühlte, leicht Kopfweh hatte und mir wahnsinnig übel war.  Nach ca. 3 Stunden Flug und 68 Kilometer war es soweit, ich musste mich auf fast 3000 Höhenmeter übergeben.  Ich ließ die nächsten Thermikschläuche aus und ging landen.
Noch eingehängt im Schirm flüchtete ich in den Schatten und schlief eine Stunde von 14: 30 bis 15 :30. Ich war  ca. 30 km von Sondrio entfernt. Als ich wieder wach wurde, fühlte ich mich gut und entschied mich die Strecke zu Fuß fortzusetzen.    
Um 20.30 war ich in Sondrio angekommen, kaufte mir Spaghetti und 2 Liter Mineralwasser. Die Stadt war gerade im Fußballfieber (Championsleague-Finale), was mich aber nicht interessierte, da ich schon etwas Schmerzen an den Füßen hatte. Ich trat um 21.30 Uhr die Rückreise an und berechnete,  dass ich etwa um 13 Uhr auf dem Startplatz Monte Berlinghera am Comer See sein würde – und dort hatte ich eine 1 ½ Stundenpause kalkuliert. Um 23 Uhr konnte ich nicht mehr gehen, da die Blasen extrem schmerzten. Ich zog mir die Turnschuhe aus und ging bis 2 Uhr morgens in den Socken weiter.
Von 2 Uhr bis 3.30 schlief ich in meinen Paraschirm unter Sternenhimmel irgendwo auf einer Wiese die am Weg lag. Um 3.30 läutete mein Handy und ich stand auf, verarztete meine Füße und schmierte meinen Körper mit Diana -Gel ein. Dann ging’s weiter, bis ca. 10 Uhr war es ganz ok , ich spürte auch fast keine Schmerzen mehr. Als ich um 10.15 in Sorcio am Fuße das Monte Berglihera ankam, hatte ich das Härtete aber erst vor mir, der Aufstieg zum Startplatz ca. 1200 Höhenmeter. Es war eine Qual als mir wieder die Worte von Thomas Bosnjak einfielen, 20 Minuten gehen und dann 5 Minuten Pause. So ging es bis 14 Uhr mit Schmerzen und Widerwillen hoch. Etwa  200 Höhenmeter unter dem offiziellen Startplatz konnte ich nicht mehr, merkte aber dass die Thermik schon stark war, also entschloss ich mich auf einer kleinen Lichtung auf ca. 950 Meter Seehöhe zu starten.  Wusste aber, dass wenn es nicht klappt, das Rennen für mich vorbei ist. Es gab aber auch keine Alternative, da es mit dem Gehen nicht mehr ging.  
Nach dem Start erwischte ich auch  gleich einen Thermikbart mit ca. 1 Meter Steigen und war auf der Höhe des offiziellen Startplatzes angekommen. Als es  aber abschattete und die Thermik aussetzte  wechselte ich sofort auf den Gegenhang, wo die Sonne mit voller Kraft hinein schien, nur war das Problem, dass ich beim Seitenwechsel wieder viel Höhe verlor. Am Gegenhang kam ich mit ca. 800 Höhenmeter an.  Schwache Thermik anfangs 0,5 bis 1Meter, aber sie wurde kontinuierlich stärker, dann ging’s richtig hoch - zum Schluss mit ca. 6-8 Meter in der Sekunde auf ca. 3 tausend Meter und es wurden bei mir auch leichte Emotionen frei. Ich freute mich, da ich wieder voll im Rennen war. Nach ca. 45 min  Kampf mit der Thermik hatte ich jetzt nur mehr zwei Hürden bis zum Ziel, die Talquerung vom Jori Pass Richtung Alpe Orino  und es stand mir auch der Nordwind über Bellizona mit ca. 15- 20  Km/h entgegen .An der Alpe Orino mit wieder nur 900 Höhenmeter angekommen, ging der Kampf ums ausscheiden wieder los. Ich hatte nur mehr eine schwache Stunde bis zum Rennende, aber schaffte es nach ca. 20 Minuten wieder mit anfangs nur 0,5 bis 1 Meter steigen auf 2700 Meter Höhe.  Rein in das Speedsystem und ab Richtung Ziel Locarno. Es war über Locarno bereits 16.55 Uhr, ich konnte den Landeplatz schon sehen, hatte aber ein weiteres Problem: extremer Talwind, die Minuten vergingen für mich plötzlich wie Sekunden, ich musste auch noch zur Kenntnis nehmen, dass ich es gar nicht mehr  zum Landeplatz schaffte, denn ich war schon zu niedrig über der Stadt. Aber wo jetzt landen? Es wurde spannend, denn in den letzten Minuten sprang mir ein Sportplatz neben einer Schule ins Auge und ich flog zwischen den Halogenscheinwerfermasten auf den Platz - es war punkt 17 Uhr und Rennende und ich war 500 Meter vom Ziel entfernt. Jetzt hatte dieser Sportplatz auch noch einen Zaun! Ich lief zum Zaun, warf den Schirm rüber und lief Richtung Ziel, da kam mir auch schon der Flugschulenbesitzer Renato von Locarno mit dem Auto entgegen. Er dachte schon, mir sei was passiert. Ich war aber noch so aufgewühlt und meine einzige Sorge war eigentlich nur die Zeit .Obwohl es schon vorbei war, hätte ich auch gemütlich zurückgehen können.
Meine zurückgelegte Strecke waren 108,18 Flugkilometer, 96,72 Kilometer zu Fuß mit etwa 2500 Höhenmeter.
Ich hatte den zweiten Platz aus der Zeit theoretisch verloren da ich den 20% Heimkehrerbonus nicht bekam. Habe aber dann doch noch den dritten Platz geschafft und im Laufe des Rennens sehr viel an Erfahrung gewonnen.
Ich freue mich schon auf das nächste Bordairline.


Bericht von Gerald Gold:

Voller Motivation startete ich zu meinem insgesamt 3. Bordairline, voller Freude, dass das Wetter einmal so richtig gutes Flugwetter gebracht hat. Die 1400 Höhenmeter auf die Cimetta  gingen in der Gruppe relativ flott und locker. Oben angekommen hörte ich auf ein paar Locals und wählte den Startplatz im Westen, der angeblich bei den Bedingungen einfacher ist. Als ich gerade selbst meinen Schirm auflegte sehe ich Chrigel Höhe machen und Richtung Osten fliegen. Für mich stand aber meine zuvor gewählte Route Richtung Westen fest, da mir die Talquerung nördlich des Comosees doch etwas schwieriger erschien.

Glücklicherweise nahm noch ein Freiflieger die gleiche Route, sodass ich eine Stunde einen Wegbegleiter hatte und so eine gute Linie bis kurz vor Domodossola gezeigt bekam. Die Talquerung dort war kein Problem und da auch auf der anderen Seite perfekte thermische Verhältnisse herrschten, entschied ich mich weiter die geplante Route Richtung Süd-West zu fliegen. Um 16:00 war klar, dass es nicht mehr weiter ging. Ich hatte meinen Wendepunkt den Monte Rosa erreicht. Eine Möglichkeit noch weiter zu fliegen gab es hier nicht, da ich mich trotz einer Höhe von über 3000m vor einer mehr als 1000m höheren Felswand befand - sehr beeindruckend! Der Weg zurück bis Domodossola gestaltete sich ebenfalls als einfach, obwohl die Steigwerte bereits etwas schwächer wurden. Die erneute Talquerung bei Domodossola ließ ich aus, da ich wenig Abflughöhe hatte und nicht wusste, ob der Flugplatz dort irgendwelche Flugverbotszonen hat. Nichts desto trotz war ich super happy über meinen Wendepunkt, der 70km vom Startpunkt weg war, und einem mehr als 100km langen Flug. Vor allem die Gewissheit, dass es sich nun leicht zurück bis ins Ziel ausgeht war ein zusätzlicher Motivationsschub für die folgenden Geh-Kilometer.

Nach einer Stärkung, die mir meine Freundin und Supporterin Nicole gleich nach der Landung zukommen, ließ machte ich mich auf den Weg in Richtung Osten. Da ich nicht 3 Kilometer Umweg gehen wollte entschied ich mich die Knietiefe Toce zu Fuß zu durchqueren. Es war zwar etwas kalt, aber trotzdem ein nettes Erlebnis.

Kurz drauf stellte Nicole fest, dass die Straße am Anfang des Vale Vigezzo durch 2 Tunnels führt. Also ein kurzer Anruf bei den Bordairline Veranstaltern und es gab grünes Licht für die Tunnels, da sie nicht Täler verbindend sind.  So wanderte ich guter Dinge bis ca. 0:30 bis nach Druogno, wo wir in unserem kleinen Mietwagen die Nacht verbrachten. Etwas eng, aber für ein paar Stunden Schlaf war es o.k. Um ca. 09:30 traf ich in Craveggia eine folgenschwere Entscheidung: Nämlich auf den Trubbio aufzusteigen und ins Ziel zu fliegen und nicht bis dahin, es wären ca. 30km gewesen, zu gehen. Der Aufstieg war zwar etwas anstrengender als am 1. Tag, aber auch keine große Sache. Auch nach dem Start verlief alles glatt. Ich konnte gleich Höhe machen und Richtung Ziel fliegen. Mit 2000m und noch 10 zu fliegenden Kilometern, habe ich nicht mehr versucht Höhe zu machen. So kam ich beim Anflug auf Ascona in den starken Talwind, der mich zur Landung 2km vor dem Ziel zwang. Leider geschah dass, was so ziemlich das blödeste beim Gleitschirmfliegen ist, ich kassierte in ca. 30m Höhe einen bösen Klapper. Noch bevor ich den Schirm wieder unter Kontrolle bringen konnte, schlug ich am Boden auf. Dank meines Gurtzeuges mit Airbag ist aber nichts tragisches passiert. Allerdings haben mich ein paar Augenzeugen gesehen und die alarmierte Rettung ging kein Risiko ein und brauchte mich zur Kontrolle ins Krankenhaus von Locarno, wo mich Nicole dann über meinen 4. Platz informierte.

Natürlich ist dieser 4. Platz ein wenig ärgerlich, da ich ohne meinem Besuch im Krankenhaus 3. geworden wäre, aber angesichts der Tatsache, dass auch etwas schlimmeres passieren hätte können, kann ich mich über diesen 4. Platz doch sehr freuen.

Danke noch für die Besserungswünsche der anderen Teilnehmer und des Bordairline Teams – wir sehen uns beim Crossalps.

Nachtrag vom Supporter:
Welche Gedanken hat ein Flieger, wenn er weiß, dass alles in Ordnung ist?
„Wo sind meine Sachen?“ „Die hat Renato“ „Super! Dann ist der Logger zum Auswerten im Ziel“
...und nochmals ein Danke für die liebe Unterstützung an Petra und Renato
Nicole